Luftnot - kann es PAH sein - ein Patienten-Fall:

Herr S. ist 36 Jahre alt, ledig, keine Kinder, angestellter Elektroinstallateur seit 15 Jahren, treibt sehr wenig Sport, hat niemals geraucht und war bisher gesund. Er fühlt sich seit Jahren immer ein wenig müde und hat öfters Konzentrationsstörungen. Seine Mutter hat Osteoporose, sein übergewichtiger Vater muss einen Cholesterinsenker und ein Blutdruckmittel nehmen. Sein 43jähriger Bruder hatte vor 2 Jahren einen
Bandscheibenvorfall.
Seit ca. einem halben Jahr kommt Herr S. während seiner ihm vertrauten Arbeit als Elektroinstallateur zunehmend außer Atem und weiterhin fällt ihm abends eine Luftnot  sogar in Ruhe auf. Dies veranlasst ihn zu seinem Hausarzt zu gehen.

Hausärztliche Befunde:

  • Übergewicht bei einer Größe von 187 cm und einem Gewicht von 127 kg
  • Laborwerte im Normbereich (inkl. Schilddrüsenwerte und Eisen), das Cholesterin war etwas erhöht
  • Abhören von Herz und Lunge ergab keinen krankhaften Befund

Der Hausarzt vermutet einen Zusammenhang zwischen der Luftnot und dem Übergewicht und empfiehlt Herrn S. sein Gewicht durch Sport und weniger Kalorienzufuhr zu reduzieren.
Herrn S. gelingt es in den nächsten 2 Monaten nicht sein Gewicht zu reduzieren, da er beim Versuch sportliche Aktivitäten auszuüben extreme Atemnot bekommt. Auch im Alltag nimmt die Luftnot zu. Er ist beunruhigt und geht wieder zu seinem Hausarzt, welcher ihn zunächst für eine Ergometrie (Belastungs-EKG) zum Kardiologen, anschliessend zum Lungenfacharzt (Pneumologen) überweist.

Kardiologische Befunde:

  • Ergometrie: von Seiten des Herzens unauffällig, Abbruch wegen Erschöpfung der Oberschenkelmuskulatur und Luftnot. Kein Hinweis auf eine Erkrankung der Herzkranzgefäße

Pneumologische Befunde:

  • Hypoxie (Sauerstoffmangel)

Der Pneumologe überweist Herrn S. zur kurzstationären Abklärung des Sauerstoffmangels im Blut in ein regionales Lungenfachzentrum, da dort mehrere verschiedene Untersuchungen gleichzeitig in kürzerem Zeitraum durchgeführt werden können.

Aufnahmebefunde in der Klinik:

  • Herz- und Lungenbefund unauffällig, aber beidseits deutliche Knöchelödeme (Wasseransammlungen um die Knöchel)

Weitere Untersuchungsergebnisse in der Klinik:

  • 6-Minuten-Gehtest: Wegstrecke von nur 440 m (Soll ca. 700 m), Sauerstoffsättigung 87%, bei Testende 71% (Norm 95-98%)
  • Lungenfunktionstests: eingeschränkte Lungenfunktionen
  • Röntgen und CT-Thorax: unauffällig
  • Echokardiographie (Ultraschalluntersuchung des Herzens): erhöhter Druck in der rechten Herzkammer, Rechtsherzbelastung und leichte pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck)

Aufgrund dieser Befunde beabsichtigen die Klinikärzte bei Herrn S. eine Rechtsherzkatheter-Untersuchung durchzuführen. Herr S. hat Angst vor möglichen Komplikationen eines solchen Eingriffs und wird vom Arzt ausführlich dazu aufgeklärt: Grundsätzlich besteht ein Unterschied zwischen der harmloseren Rechtsherzkatheter-Untersuchung (venöser Katheter) und der etwas komplikationsreicheren Linksherzkatheter-Untersuchung (arterieller Katheter). Bei der bei Herrn S. geplanten Rechtsherzkatheter-Untersuchung punktiert der Arzt nach einer örtlichen Betäubung eine Vene (meist in der rechten Leistenbeuge) wie bei einer Blutentnahme. Dann schiebt er einen kleinen Kunststoffschlauch (Katheter) bis in das rechte Herz und die Lungenarterie vor. Dies ist völlig schmerzfrei. Nun können die notwendigen Messungen vorgenommen und eine Belastung mit Fahrradfahren in Rückenlage durchgeführt werden. Anschliessend wird der Katheter entfernt und man bekommt einen Druckverband, der dann durch ein Pflaster ersetzt wird. Nach Beendigung der Untersuchung kann der Patient wie gewohnt essen und trinken.
Die Rechtherzkatheter-Untersuchung ist ein gängiges Routineverfahren, bei der es sehr selten zu Komplikationen kommt. Es kann zu Herzrhythmusstörungen kommen, welche als Herzklopfen wahrgenommen werden und in den seltensten Fällen lebensbedrohlich sind. Die dann benötigten Medikamente und Geräte stehen selbstverständlich stets griffbereit. Wie bei jeder Spritze kann es zu Blutergüssen an der Einstichstelle und selten zu Venenentzündungen oder -verschlüssen kommen. Extrem selten sind Infektionen des Herzens.
Herr S. fühlt sich nun gut informiert, konnte seine Befürchtungen und Ängste benennen und willigt in die Durchführung dieser Untersuchung ein.

Resultate der Rechtsherzkatheter-Untersuchung:

  • Erhöhter Druck in den Lungenarterien in Ruhe
  • Unter Belastung (Radfahren) weiterer Anstieg des Druckes in den Lungenarterien und Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut
  • Diagnose: präkapilläre pulmonale Hypertonie

Aufgrund der festgestellten Diagnose einer pulmonalen Hypertonie, wurde bei Herrn S. im gleichen stationären Aufenthalt eine Polysomnographie (Untersuchung im Schlaflabor) durchgeführt mit der Erstdiagnose eines schweren Schlafapnoe-Syndroms (Atemstillstände während des Schlafes).
Da man einen Zusammenhang zwischen Schlafapnoe-Syndrom und der pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck) vermutete, wurde zunächst eine sogenannte CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) eingeleitet. Bei dieser Therapieform trägt Herr S. nachts eine Atemmaske, welche einen Überdruck in den Atemwegen erzeugt und somit das Kollabieren der Atemwege, das Schnarchen sowie Atemaussetzer verhindert.
Trotz der beiden festgestellten neuen Diagnosen „Pulmonale Hypertonie“ und
„Schlafapnoe-Syndrom“ war Herr S. froh, dass man eine Ursache für seine Beschwerden
gefunden hatte. Er konnte nach Hause entlassen werden, allerdings für die nächsten
3 Monate als arbeitsunfähig. Herr S. wendete die nächtliche CPAP-Therapie an und
fühlte sich subjektiv zunehmend belastbarer, konnte sich besser konzentrieren und
auch seine Tagesschläfrigkeit ließ nach.

Nach 3 Monaten wurde im regionalen Lungenfachzentrum eine Kontrolluntersuchung mit folgenden Resultaten durchgeführt:

Rechtherzkatheter-Untersuchung:

  • Weiterer Anstieg des Druckes im Lungenkreislauf, Zunahme der Rechtsherzbelastung

Spiroergometrie (Belastungs-EKG mit Sauerstoffsättigungsmessung):

  • Weitere Verschlechterung der Sauerstoffsättigung

6-Minuten-Gehtest:

  • Wegstrecke von nur noch 175 m (Soll ca. 700 m)

Trotz besseren subjektiven Befindens von Herrn S. und konsequent eingehaltener CPAP-Atemtherapie hatten sich seine Untersuchungsergebnisse verschlechtert. Die Ärzte erklärten ihm, dass der bestehende Lungenhochdruck leider doch nichts mit dem zusätzlich bestehenden Schlafapnoe-Syndrom zu tun habe und offenbarten ihm die Diagnose der zwar behandelbaren, aber nicht heilbaren „pulmonal arteriellen Hypertonie“. Dies war ein harter Schlag für Herrn S. - Zukunftsängste und existentielle Ängste traten auf.
Die behandelnden Ärzte gaben ihm jedoch Hoffnung, indem sie ihm erklärten, dass man die pulmonal arterielle Hypertonie (PAH) heutzutage auch mit Medikamenten behandeln könne. Es wurde eine medikamentöse Therapie mit einem sogenannten Endothelin-Rezeptor-Antagonisten begonnen, welcher der Gefäßverengung im Lungenkreislauf entgegen wirkt.
Noch immer war Herr S. krank geschrieben - nun bereits über 3 Monate. Er fühlt sich einsam und verlassen, hat Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren und sieht derzeit keine Lebensperspektive. Glücklicherweise haben die Ärzte im Lungenfachzentrum seine psychische Verfassung erkannt, diese angesprochen und ihm nebst Erklärung der heutzutage möglichen Therapien auch Adressen von Selbsthilfegruppen gegeben. Dies hat Herr S. wieder neue Hoffnung gegeben.

Nach weiteren 6 Monaten unter der medikamentösen Behandlung erfolgte eine Kontrolluntersuchung im Lungenfachzentrum, dieses Mal ambulant:

Spiroergometrie:

  • Jetzt deutlich besser belastbar, Verbesserung der Sauerstoffsättigung

6-Minuten-Gehtest:

  • Wegstrecke mit 480 m wieder viel besser

Nach so langer Zeit endlich mal ein messbarer Erfolg! Herr S. fühlt sich so belastbar wie schon lange nicht mehr und beginnt nach 2 Wochen Wiedereingliederung wieder voll zu arbeiten. Er hat sich mit seiner Krankheit auseinandergesetzt und gelernt, seine Alltags- und Freizeitaktivitäten dieser anzupassen. Sehr hilfreich für ihn sind seine geknüpften Kontakte zu anderen Betroffenen aus der Selbsthilfegruppe.

Anmerkung:

Die Pulmonal Arterielle Hypertonie ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung. Bei manchen Patienten kann es daher nach einiger Zeit zu einer schleichenden Befundverschlechterung bei nachlassender Wirkung der Monotherapie bzw. bei fortgesetzter Verschlechterung der Grunderkrankung kommen. In einem solchen Fall besteht jedoch die Möglichkeit mittels einer Kombinationstherapie mit verschiedenen spezifischen Medikamenten das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

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